Vereinbarkeit Pflege, Familie, Beruf 

Wie funktioniert das eigentlich?

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Kind, Karriere – und dann ein Pflegefall in der Familie. Immer mehr Berufstätige, überwiegend Frauen, stehen vor dieser Herausforderung. Doch was macht man, wenn neben dem Nachwuchs plötzlich auch die eigenen Eltern Fürsorge benötigen? Geht es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, wissen die meisten Frauen jenseits der 30 bestens Bescheid: Sie kennen ihre Möglichkeiten und Rechte und fordern diese bei Ihrem Arbeitgeber ein. Bei der Vereinbarkeit von Pflege und Beruf fühlen sich hingegen viele alleingelassen.

Pflege zu Hause: Vorbereitung für den Ernstfall

Während eine Schwangerschaft mehrere Monate Zeit zur Vorbereitung mit sich bringt, tritt ein Pflegefall meist von jetzt auf gleich ein, zum Beispiel wenn die Schwiegermutter bei der Gartenarbeit stürzt oder der Vater nach einem Schlaganfall nicht mehr ohne Hilfe zuhause leben kann. Wer sich rechtzeitig über seine Möglichkeiten informiert, bevor der akute Pflegefall eintritt, kann die häusliche Pflege leichter mit seinem Job vereinbaren.
 

vereinbarkeit_von_pflege_und_beruf_vorbereitungDie Vereinbarkeit von Pflege und Beruf benötigt Vorbereitung – sowohl zu Hause als auch am Arbeitsplatz. Wer frühzeitig plant und sich Hilfe holt, kann Kind, Karriere und pflegebedürftige Angehörige leichter zusammenbringen.

 

 

Christin-WegenerChristin Wegener vom Kompetenzzentrum Frau und Beruf im Kreis Minden-Lübbecke.

 

 

anspruch_unterstuetzungPflegende Angehörige haben Anspruch auf Unterstützung, z. B. durch Pflege- oder Familienpflegezeit.

Warum Pflege durch Angehörige?

Berufstätige Eltern trifft ein Pflegefall besonders hart: Von jetzt auf gleich stehen sie unter einer Mehrfachbelastung, die die eigene Lebensqualität stark beeinträchtigt.

Die pflegerische Belastung innerhalb von Familien wird künftig weiter anwachsen: Laut Statistischem Bundesamt wird in 20 Jahren fast jeder vierte Deutsche (23%) über 65 Jahre alt sein. Mit der alternden Bevölkerung steigt auch der Anteil der pflegebedürftigen Menschen. Die meisten von ihnen wünschen sich, in den eigenen vier Wänden gepflegt zu werden. Wenn es die Situation erlaubt, möchten viele Angehörige diesem Wunsch nachkommen, auch wenn damit das eigene Familienleben und die Leistungsfähigkeit bei der Arbeit auf die Probe gestellt werden. 

„Besonders hart trifft es Menschen, die sich in einer sogenannten ‚Sandwich-Position‘ befinden. Sie kümmern sich nicht nur um die eigenen Kinder, sondern pflegen gleichzeitig einen Angehörigen zuhause“, erklärt Christin Wegener vom Kompetenzzentrum Frau und Beruf im Kreis Minden-Lübbecke die besondere Belastung der Familien. Dennoch gibt es viele Gründe, warum sich immer mehr berufstätige Mütter und Väter dieser Zerreißprobe stellen.

Die eigenen Eltern in ein Heim zu geben, kann sich anfühlen, wie sie im Stich zu lassen und  der Anonymität einer Pflegeeinrichtung auszuliefern. Mit der Pflege zuhause ermöglicht man einem Angehörigen, in vertrauter Umgebung zu leben und im Kreis seiner Familie zu bleiben. Damit kann man ein Stück weit die Fürsorge zurückgeben, die man selbst als Kind erfahren hat. Auch für den eigenen Nachwuchs ist das ein wichtiges Zeichen: Wir gehören alle zusammen und unterstützen uns gegenseitig − in schwierigen Situationen sind wir füreinander da. Wenn es um häusliche Pflege geht, spielen aber oftmals auch finanzielle Aspekte eine Rolle: Nicht jeder kann sich ein teures Pflegeheim oder eine externe Pflegekraft leisten, die den Angehörigen rund um die Uhr zuhause betreut.


Was tun, wenn ich eine Zeit lang ganz oder teilweise aus dem Job aussteigen möchte?

Von Pflegeunterstützungsgeld bis Familienzeit: Arbeitnehmer, die einem Angehörigen Pflege zu Hause ermöglichen möchten, haben Anspruch auf Unterstützung.

1. Pflegeunterstützungsgeld


Wer von heute auf morgen eine Pflegesituation regeln muss, kann bis zu 10 Tagen der Arbeit fernbleiben. Dabei haben Arbeitnehmer (unabhängig von der Größe des Unternehmens) Anspruch auf ein Pflegeunterstützungsgeld, das den Einkommensausfall abfedert. Es kann bei der Pflegeversicherung des Angehörigen beantragt werden.

2. Pflegezeit beantragen

Arbeitnehmer, die einen pflegebedürftigen Angehörigen zuhause auf längere Zeit begleiten möchten, haben Anspruch auf eine teilweise oder vollständige Freistellung. Sie darf bis zu sechs Monate andauern. Voraussetzung: Das Unternehmen hat mehr als 15 Beschäftigte und der Pflegebedürftige mindestens Pflegegrad 1. Zur Entlastung der Finanzen bietet das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben ein zinsloses Darlehen für diese Zeit an.

3. Familienpflegezeit

Manchmal reicht ein halbes Jahr nicht aus, um einen Nahestehenden in einer Pflegesituation zu begleiten. Dann besteht der Anspruch, sich bis zu 24 Monate teilweise freistellen zu lassen. Die Mindestarbeitszeit pro Woche beträgt 15 Stunden. Voraussetzung: Das Unternehmen beschäftigt mehr als 25 Mitarbeiter und der Angehörige erfüllt mindestens den Pflegegrad 1.

4. Verhinderungspflege

Urlaub trotz häuslicher Pflege? Das geht! Die sogenannte Verhinderungspflege gibt Angehörigen die Möglichkeit, eine Auszeit von der Pflegesituation zu nehmen. Sie wirkt auch, wenn die Person, die sich normalerweise um die Pflege kümmert, selbst einmal krank wird. Eine Ersatzpflegeperson übernimmt dann für einen Zeitraum von maximal sechs Wochen pro Jahr ihre Aufgaben. Kosten in Höhe von bis zu 1.612 € übernimmt die Pflegekasse, wenn mindestens Pflegegrad 2 vorliegt. 

„Und wie sag ich‘s meinem Chef?“

Viele Arbeitgeber sind noch nicht ausreichend auf Mitarbeiter vorbereitet, die die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf einfordern. Je früher Berufstätige ihren Chef einweihen, z. B. sobald sich ein Krankheitsverlauf zunehmend verschlechtert, desto besser können beide Seiten gemeinsam die Auswirkungen der Doppelbelastung abfangen. Neben den gesetzlichen Ansprüchen kommen beispielsweise flexible Arbeitszeiten oder Home Office-Tage infrage, die bei der Entlastung helfen. Wer auch seine Kollegen über die persönliche Situation informiert, sichert sich zusätzliche Unterstützung und Vertretung für den Notfall. Gut zu wissen: Wer eine der genannten Pflegeleistungen in Anspruch nimmt, darf innerhalb der Pflegezeit nicht gekündigt werden.

Welche Hilfen gibt es?

Wenn die erforderlichen Schritte zur Vereinbarkeit von Pflege und Beruf eingeleitet sind, steht eine weitere Herausforderung bevor: Den Alltag mit einem Pflegebedürftigen zu meistern. Hilfe im Alltag liefern zum Beispiel die Ess- und Trinkhilfen von Ornamin, die die Selbstständigkeit der Betroffenen fördern und dazu beitragen, die Lebensfreude zu erhalten. Sie helfen auch dabei, pflegende Angehörige bei der Betreuung zu entlasten. Wissenswertes zu Demenz, Schlaganfall, Parkinson oder MS sowie zum Essen und Trinken im Alter erhalten Sie unter diesem Link. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gibt darüber hinaus unter www.wege-zur-pflege.de nützliche Informationen und Hilfestellungen rund um die Themen Pflege und Pflege zu Hause.